Das Prinzip Oslo: Lernen von der Hauptstadt der Elektromobilität

IAO-Blogreihe zum Wissenschaftsjahr 2015: »Zukunftstadt«

Oslo ist eine Hauptstadt im doppelten Sinne: Die Fjordstadt ist Regierungssitz von Norwegen und im weltweiten Vergleich der Kommunen – die Hauptstadt der Elektromobilität. Bis zum Jahr 2020 werden laut Stadtplanung nur noch emissionsfreie Taxis durch die Osloer Straßen fahren, allen voran die E-Taxis. Norwegen ist das Land, in dem es weltweit die größte Anzahl von Elektrofahrzeugen pro Kopf gibt. Erstaunlicher als die schiere Zahl ist jedoch der Grund für den Boom der Elektromobile:

Das Osloer Paradox: E-Mobil durch PKW?

Anders als in Deutschland sind die hohen Verkaufszahlen auf den immensen Absatz im Privatsegment zurückzuführen (76%). Das widerspricht auf den ersten Blick der häufig geäußerten Empfehlung von Wissenschaftlern, dass öffentliche Flotten als Vorreiter der Elektronutzung das Potenzial dieser Technologie erschließen sollten. Der Grund für den »norwegischen Sonderweg« sind nicht etwa bewusstere Verbraucher. Die niedrigen Verkaufszahlen in öffentlichen Flotten und der Boom bei PKW sind eher eine Folge der Politik. Sie gewährt Privatnutzern von Elektrofahrzeugen zahlreiche Anreize zum Kauf eines Elektroautos. Die Fahrzeugsteuern werden beispielsweise proportional zu den CO2-Emissionen erhoben: Je mehr ein mit fossiler Energie betriebenes Fahrzeug die Umwelt belastet, desto teurer sein Betrieb. Eine weitere Maßnahme zur Förderung von Elektrofahrzeugen in Norwegen ist die Erlaubnis zum Fahren auf Taxi- und Busfahrstreifen. Elektromobilität hat Vorfahrt in Oslos Straßen. Im Alltag stellt dieser Nutzungsvorteil aber nicht selten eine Behinderung für Taxis dar. Ob die norwegische Regierung mit den Verkehrsprivilegien für PKW den richtigen Weg hin zu einer nachhaltigen Mobilität eingeschlagen hat, ist also fraglich.

E-Mobilität braucht E-Politik

Statistiken verdeutlichen, dass viele der verkauften Elektrofahrzeuge nur als Zweitwagen genutzt werden und Fahrer eines Elektrofahrzeugs sogar dazu neigen, weniger öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Es wäre also wichtig, auch dem öffentlichen Sektor eine höhere Priorität bei der Implementierung der Elektromobilität einzuräumen, wenn konventionelle Fahrzeuge grundsätzlich ersetzt werden sollen. Wir lernen: Der Einsatz von Elektrofahrzeugen wird sich auch in Zukunft nur so entwickeln, wie die Politik es vorgibt. Für einen nachhaltigen Ansatz reicht die Förderung des Privatverkehrs allein nicht aus und selbst das Erfolgsbeispiel Oslo zeigt, dass auch die öffentlichen Flotten gefördert werden müssen, weil sich sonst Elektromobile und öffentliche bzw. teilöffentliche Verkehrsmittel kannibalisieren.

Das Beispiel Oslo kann viele Erfolge für die Elektromobilität vorweisen. Und doch hat die einseitige politische Ausrichtung die Stadt in ein Elektromobilitätsdilemma geführt – auch das ist eine Lehre aus der »Hauptstadt der Elektromobilität«. In Kürze werde ich mit einem weiteren Blogpost Lösungsmöglichkeiten für das Elektromobilitätsdilemma aufzeigen.

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Susanne Schatzinger

Susanne Schatzinger

Stadt- und Mobilitätsforscherin am Fraunhofer IAO. Die Geographin und Kulturwissenschaftlerin mit Chinesisch-Kenntnissen bloggt derzeit am liebsten zum Thema Taxi der Zukunft. Dienstfahrten erledigt sie aber meist mit einem der über 40 Elektrofahrzeuge, die sich in der IAO-Forschungsflotte befinden. In Ihrer Freizeit fährt sie gerne Motorrad.

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