Zwischenfazit zu E-Scootern in deutschen Innenstädten: die 11. Plage oder Hoffnungsträger für die Mobilitätswende?

Seit E-Scooter in Deutschland im Juni 2019 in die Elektrokleinstfahrzeug-Verordnung (eKFV) aufgenommen wurden, steigt die Dichte der Elektroroller rapide. Was zuerst nur als lustiger Hype wirkte, wird inzwischen vielerorts schon als Plage angesehen. Anbieter von Sharing-Systemen mit E-Scootern bringen immer mehr Fahrzeuge in die Innenstädte, die dazu noch häufig auf dem Boden herumliegen und zu richtigen Stolperfallen für Fußgänger werden. Ein ähnliches Szenario hat sich bereits im Jahr 2018 mit den Leih-Bikes der Firma oBike abgespielt, die es auf die Spitze getrieben hat und letztendlich damit gescheitert ist. Rund 30 000 Fahrräder blieben damals in Deutschland und in den Niederlanden herrenlos zurück. Bleibt also nur zu hoffen, dass die E-Scooter-Anbieter ihre angestrebte Marktdurchdringung durchdachter angehen indem sie Kontakt zu Städten und Gemeinden aufnehmen und somit Einzug in die urbane Mobilitätswelt erhalten.

Mittlerweile surren in deutschen Städten etwa 30 000 E-Scooter umher, dies belegen Zahlen der großen Sharing-Anbieter wie lime, VOI und TIER (Stand: 30. September 2019). Eigentlich sollte man aber eher sagen, die Roller stehen theoretisch dafür bereit, denn gesurrt wird tatsächlich eher wenig. Durchschnittlich kommen die E-Scooter laut den Ergebnissen der Berliner Mobilitätsberatung Civity gerade mal auf fünf Fahrten pro Tag und stehen damit eher als dass sie fahren (Quelle siehe Leselinks). Eine große gesellschaftliche Empörung über die vielen Roller auf Gehwegen und Straßen wie bei oBike blieb zwar bislang aus, dennoch werden sie oftmals als störend empfunden. Aber warum werden die E-Scooter so wenig genutzt?

Anzahl steigt, aber Nutzung bleibt aus

Die mangelnde Nutzung hat mehrere Gründe. Zum einen zeigen unsere Forschungsarbeiten, dass potenzielle Kunden diese Fahrzeuggattung eher selbst kaufen und besitzen wollen, als diese über ein Sharing-Anbieter zu nutzen. Gründe hierfür könnten der verhältnismäßig geringe Anschaffungspreis im Vergleich zu anderen Verkehrsmittel des Individualverkehrs sein, aber auch die Unsicherheit, ob E-Scooter überhaupt verfügbar sind, wenn man dann mal einen braucht. Hinzu kommt, dass E-Scooter im Sharing-Betrieb nur eine sehr kurze Lebensdauer von wenigen Monaten haben, da das Material scheinbar nicht für die ständigen Witterungseinflüsse geschaffen ist und manche Nutzer zusätzlich wenig sorgfältig mit den Fahrzeugen umgehen. Für die Nutzung ist das ein weiterer Killer. E-Scooter substituieren laut unserer aktuellen Umfrage vornehmlich Fuß- und Radwege, ersetzen somit die sauberste Mobilitätslösung überhaupt und verschlechtern damit sogar noch die Ökobilanz. Das allgemeine Wunschdenken der Regierungen aber auch von Städten und Kommunen, dass E-Scooter zu einer Verkehrsreduzierung in den deutschen Innenstädten führen könnten, wird leider nicht bestätigt. Können Konzepte wie E-Scooter dennoch zu einer nachhaltigeren und sauberen Mobilität in Städten verhelfen?

Es gibt noch Hoffnung

Auch wenn die E-Scooter aktuell nicht stark genutzt werden, besteht dennoch ein immenses Potenzial für die elektrischen Kickroller. Ziel sollte es sein, Fahrten mit dem PKW durch die geeignete Kombination von E-Scooter mit dem öffentlichen Nahverkehr zu ersetzen, denn für den Bereich der First-/Last-Mile sind E-Scooter absolut prädestiniert. D.h. dass diese als Anschlussverkehrsmittel genutzt werden können, wo die Abdeckung durch den öffentlichen Nahverkehr aufhört. Der große Vorteil: Sie sind leicht, portabel und können bequem in U-Bahnen oder Bussen mitgenommen werden. Somit könnte man quasi von der Wohnungstüre bis an den Schreibtisch fahren und die persönliche intermodale Mobilitätskette optimieren. Vor allem für Pendler, die von urbanen Randgebieten in die Innenstädte pendeln, können E-Scooter eine geeignete Alternative zum PKW darstellen. Das ist aber leider nur selten der Fall, denn zum einen sind die E-Scooter von Sharing-Anbietern gerade in den Randgebieten nicht ausreichend verfügbar und zum anderen ist da immer noch die Problematik mit einem gut ausgebauten, aber vor allem zuverlässigen öffentlichen Nahverkehr.

Der E-Scooter schafft die Mobilitätswende nicht alleine

Die Mikromobilität tut sich in der großen Mobilitätswelt allgemein sehr schwer. Nicht nur E-Scooter, sondern auch größere Mikrofahrzeuge wie elektrische Leichtfahrzeuge erfahren laut einer Fraunhofer-Studie zwar große Akzeptanz und weisen enorme Potenziale auf, die Einführung gestaltet sich aber entsprechend schwer und die tatsächliche Nutzung bleibt gering. Oft siegt nach wie vor noch die Bequemlichkeit mit dem eigenen PKW über Nachhaltigkeit und Effizienz. E-Scooter werden sicherlich nicht alleine die Mobilitätswende bringen, bilden aber immerhin einen kleinen Baustein zu einer neuen, nachhaltigen, elektrischen Mobilität im urbanen Raum, mit einem enormen Ausbaupotenzial. Man muss sie nur an der richtigen Stelle anbieten. Ob das die Innenstädte sind, ist aber fraglich.

Am 21. November 2019 findet am Fraunhofer IAO in Stuttgart das Forum »Forum FutureCar – Hype oder Verkehrswende« statt, bei dem Mikromobilitätsexperten und Elektrokleinfahrzeug-Anbieter nicht nur über E-Scooter, sondern über die gesamte Bandbreite der Mikromobilität diskutieren und neue Mobilitätsinnovationen vorstellen. Ich bin sehr gespannt auf die Erkenntnisse, wie wir in Zukunft doch noch eine Verkehrswende hin zu mehr Nachhaltigkeit und mehr Flexibilität schaffen. Ich freue mich, wenn Sie mit dabei sind und mitdiskutieren.

Leselinks:

Fabian Edel

Fabian Edel

Fabian Edel beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Themenfeld Mikromobilität und innovativer Produktentwicklung. Darüber hinaus forscht er gemeinsam mit seinen zwei Kollegen Daniel Borrmann und Florian Albert im Bereich der agilen Fahrzeuggestaltung. Dabei untersuchen sie neuartige Fahrzeugkonzepte, einzelne technologische Fahrzeugkomponenten und innovative Materialien genauso wie Schnittstellen zwischen Mensch und Fahrzeug. Als Teil des Teams »Mobility Innovation« beschäftigen sie sich somit tagtäglich mit cleveren Lösungen für die Mobilität von morgen.

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