Nudging: Leichtes Spiel für nachhaltige Mobilität

IAO-Blogreihe zum Wissenschaftsjahr 2015: »Zukunftstadt«

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich dazu angeregt, das eigene Mobilitätsverhalten zu überdenken und mehr Fitness im Alltag einzubauen. Der Wille allein genügt nur leider ja bekanntlich bei uns Gewohnheitstieren nicht, daher möchte ich heute ein paar Beispiele vorstellen, die zeigen, wie man nicht mit dem erhobenen Zeigefinger umerzieht, sondern es auf kreative Weise schafft, dass Menschen ihre »schlechten« Mobilitäts-Gewohnheiten durchbrechen.

Kennen Sie beispielsweise die Piano-Treppe in Stockholm?! Spielerisch soll sie Menschen dazu bewegen, statt der Rolltreppe die »regulären« Stufen empor zu steigen. Anreiz ist der Anstrich im Piano-Stil. Beim Berühren einer Stufe ertönt ein Klavierton. Durch Herumspringen auf den Stufen lässt sich somit Musik produzieren. Diese Treppe steht beispielhaft für einen Motivations-Ansatz namens »nudging« – zu Deutsch »anstoßen«. Wie bekomme ich Menschen dazu, sich zu bewegen, auch wenn dies unbequemer ist als auf der Rolltreppe zu stehen? Das ist die Frage, die hinter diesem Phänomen steht. Die Antwort ist: Spiel und Spaß!

Abstrakte Anreizmechanismen funktionieren

Ein weiteres Beispiel für »nudging« ist die aufgemalte Fliege im Pissoir, mit der zumindest die Männer sicherlich schon Bekanntschaft gemacht haben. »Spielerisch zum Ziel ist das Motto« dieser Anreizsysteme. Ebenso steht es mit dem Basketballkorb über dem Mülleimer. Insbesondere für den Mobilitätssektor gibt es mit der Verbreitung von leistungsstarken Smartphones bereits einige Lösungen, welche die Nutzer zu nachhaltiger Mobilität animieren. Wie bereits im letzten Beitrag angesprochen z.B. den Schritte-Battle, bei dem der soziale Gruppendruck eine Verhaltensänderung erzielen soll. Kreativer geht folgendes Angebot an die Sache heran: Ein Tamagochi, das mit dem richtigen Mobilitätsverhalten wächst und gedeiht oder nun mal eingeht, ist eine weitere Lösung auf dem Markt. Den Spieltrieb spricht auch das London-Tube-Spiel »Chromarama« an, eine interaktive Schnitzeljagd, bei der in der Gruppe Territorien um das Londoner Tube-Haltestellen-System eingenommen werden. Was allerdings noch besser motiviert als Spiel und Spaß, sind finanzielle Anreize für ein nachhaltiges Verhalten.

Die Siedler von Catan für das Mobilitätssystem

Sich geschickt platzieren und bei jeder Runde kassieren, so die Taktik beim beliebten Brettspiel »Die Siedler von Catan«. Ein Spiel funktioniert als kontinuierliches Belohnungssystem und »steuert« die Spieler durch Motivation. Wieso übertragen wir das Prinzip nicht auf unsere städtischen Mobilitätssysteme und belohnen die Nutzer für nachhaltiges Verhalten? Statt Erz, Weizen oder Holz im Falle der Siedler sammle ich Schritte oder Fahrradkilometer. Ähnlich wie mit einer Payback-Karte sammelt man Punkte – mehr für gesundheitsfördernde und nachhaltige Mobilitätsformen wie Fuß und Fahrrad, etwas weniger für die nachhaltigen öffentlichen Verkehrsmittel und sehr wenige Punkte für die Nutzung des privaten Autos. Mit einer klugen Taktik erhalten die Nutzer also Vergünstigungen im Stadtsystem, z.B. bei Einkäufen oder in der Mobilität selbst. Mit der Stuttgart-Services-Card wird bereits ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Bis sich diese flächendeckend etabliert und zahlreiche Partner finden lassen, ist noch ein weiter Weg zu gehen. Auch die Einbindung von anderen Verkehrsmitteln zusätzlich zum öffentlichen Nahverkehr ist in diesem Sinne noch zu verwirklichen.

Nachhaltig ist cool

Wenn es Standard wird, Mobilitätsketten zu tracken – und das könnte vor dem Hintergrund wachsender Skepsis von Datenschutz problematisch werden – und diese unterschiedlichen Verkehrsmitteln automatisch zuzuordnen, kann den Nutzern ein umfassendes Feedback zu ihrem Mobilitätsverhalten gegeben und somit ein Umdenken angestoßen werden. Wenn es dann noch cool wird, sich ähnlich »foursquare« in Verkehrsmittel einzuchecken und öffentlich auf facebook zu teilen, wie nachhaltig man diese Woche unterwegs war und welche Belohnung man dafür von der Stadt erhält, wird eine langfristige systemische Verbesserung angestoßen. Diese moderne Form des »ich-war-hier«-Tags, die man früher oft manuell in Stein oder Baumstämme gemeißelt hat, bietet ein wesentlich größeres Publikum und damit einen bedeutenderen Impact für die Eigenvermarktung.

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